Fulfillment by Amazon (FBA) ist für tausende mittelständische Exporteure – vor allem aus China, Südostasien und der Türkei – der zentrale Vertriebskanal in den US-Markt. Waren werden konsolidiert nach Los Angeles, San Bernardino oder anderen Amazon-Lagerstandorten verschifft und von Amazon an Endkunden versendet. Versicherungsrechtlich zerfällt diese Kette in drei klar abgrenzbare Abschnitte mit je eigenem Haftungsregime.
Abschnitt 1: Frachtführer bis zum Amazon-Warehouse
Vom Hafen in China (typisch: Shanghai, Ningbo, Shenzhen) bis zur Amazon-Einlagerung gilt der Seefracht- bzw. Multimodal-Transportvertrag:
- Seefracht: COGSA (US-Seite) / China Maritime Code (China-Seite). Haftungsgrenze: 500 USD pro Package (COGSA) bzw. 666,67 SZR pro Package / 2 SZR pro kg (Maritime Code).
- Multimodal via FIATA FBL oder Carrier-eigenem Combined Transport Document: 2 SZR pro Kilogramm bei Unknown-Mode.
- US-Inland-On-Carriage (Hafen → Amazon): Carmack Amendment (49 U.S.C. § 14706), Haftung nach deklariertem Wert oder Default.
Ende dieses Abschnitts: Receiving-Scan im Amazon-Warehouse. Dieser Scan ist der kritische Dokumentationsmoment für die Haftungsabgrenzung.
Abschnitt 2: Amazon-Lagerhaftung
Im Amazon-Warehouse gilt die Amazon FBA Reimbursement Policy (Stand 2025). Amazon haftet bei Verlust oder Beschädigung während der Einlagerung für den Seller-Account-Verlust, aber mit klar begrenzten Regeln:
- Erstattung auf Basis des erwarteten Verkaufspreises (Sales Price), nicht des Einkaufswerts
- Maximum pro Einheit: häufig 100 USD (Standard), bei Luxuskategorien höher
- Maximum pro Gewicht: typisch 0,50 USD pro Pfund (1,10 USD/kg)
- Kein Ersatz für: Verzögerungsschäden, Ranking-Verlust, Stockout-Folgen, Consequential Damages
- Ausschluss bei bestimmten Ursachen: „Hazmat-Noncompliance", unzureichende Verpackung, Beschriftungsfehler
Rechtlich bewegt sich Amazon zwischen Bailment (treuhänderischer Besitz, UCC Article 7) und Warehouse (Lagerhalter). Der Uniform Commercial Code Article 7-204 erlaubt Lagerhaltern, ihre Haftung vertraglich zu beschränken, solange die Beschränkung „not unconscionable" ist. US-Gerichte haben Amazons FBA-Bedingungen bisher weitgehend als wirksam bestätigt.
Der „Lost Inventory"-Fall
Ein typisches FBA-Problemmuster: Ware kommt am Warehouse an, wird aber nicht korrekt eingebucht („Receiving Discrepancy"). Der Seller sieht in seinem Dashboard weniger Stück als versendet. Amazon verlangt ein FBA-Reimbursement-Claim innerhalb von 18 Monaten. Wird der Claim abgelehnt (häufig mit der Begründung „Insufficient documentation"), bleibt nur der Warentransport-Anspruch gegen den Versicherer des Sellers – sofern eine Police existiert, die explizit Schäden im Warehouse deckt. Die meisten Standard-Warentransport-Policen enden mit der Warehouse-Eingangstür.
Abschnitt 3: Last-Mile-Delivery
Amazon übergibt an eigene Logistikpartner (Amazon Flex, USPS, UPS, FedEx) oder an Amazon-Logistics-eigene Fahrzeuge. Die Haftung für diesen Abschnitt ist:
- Gegenüber dem Endkunden: Amazon als Seller-of-Record bei „Sold by Amazon" oder der Seller direkt bei „Fulfilled by Amazon". A-to-Z-Garantie greift bei Kundenbeschwerden.
- Gegenüber dem Seller: Amazon haftet nur nach FBA-Reimbursement-Policy mit genannten Limits.
Die versicherungsrechtliche Antwort
Ein FBA-Exporteur benötigt eine Police, die alle drei Abschnitte abdeckt:
- Warehouse-to-Warehouse-Clause (Clause 8 ICC A): Aktiviert die Deckung von der ersten Bewegung beim Seller bis zur Einlagerung im Amazon-Warehouse.
- Warehouse-Extension oder Inventory-at-Location-Baustein: Deckung im Amazon-Warehouse. Häufig als Stock-Throughput-Police konzipiert.
- Consequential Damages / Contingent Business Interruption: Für Verzögerungsschäden, Ranking-Verlust, Stockout. In der Standard-ICC-A nicht enthalten, als Rider zubuchen.
- Amazon-Reimbursement-Vorrangklausel: Regelt, dass der Versicherer erst nach Amazon-Claim-Entscheidung reguliert (vermeidet Doppelzahlung).
Praxis-Fall
Ein Elektronik-Importeur verschifft 500 Smartphones im Wert von 150 USD/Stück aus Shenzhen nach San Bernardino. Schaden am Container (Wassereintritt) bei der Entladung. 80 Geräte beschädigt.
- COGSA: 500 USD × 80 Packages (wenn als Einzel-Packages in B/L deklariert) = 40.000 USD → Warenwert 12.000 USD → ausreichend. Aber: Wenn der Container als Single Package deklariert war, dann nur 500 USD gesamt.
- Amazon-Reimbursement: Schaden vor Einlagerung → kein FBA-Case.
- Warentransport All-Risks: 12.000 USD voll gedeckt (warehouse-to-warehouse, Bruch/Wasserschaden inkludiert).
Ergebnis: Die warenseitige Police ist die einzige zuverlässige Deckung für diesen Fall.