Wer in Europa aufwächst und im Transportrecht beginnt, hat ein bestechend klares Bild: CMR für die Straße, CIM für die Schiene, MÜ für die Luft, Haag-Visby für die See. Vier Konventionen, zwingendes Recht, einheitliche Haftungsgrenzen. In der Praxis weltweit sieht es anders aus. Diese Orientierungshilfe sortiert die Welt in zehn Blöcke.
Block 1: Die CMR-Kernzone (Europa + CIS + Türkei)
CMR hat 56 Vertragsstaaten (Stand 2026). Die Kernzone: alle EU-Mitglieder, UK, Norwegen, Schweiz, Türkei, Russland, Ukraine, Belarus, Kasachstan, Moldau, Georgien, Armenien. Plus überseeische Ratifikanten (Marokko, Tunesien, Jordanien, Iran, Mongolei). Für jeden Straßentransport innerhalb dieser Zone greift CMR zwingend, sobald mindestens zwei Staaten beteiligt sind.
Wer hier beginnt, hat die beste Ausgangslage: klare Haftung (8,33 SZR/kg), Durchbruch bei qualifiziertem Verschulden (Art. 29 CMR), einheitliche Rüge- und Verjährungsfristen.
Block 2: Die Haag-Visby-See-Zone
Seefracht ist der weltweit häufigste Streitgegenstand im Transportrecht. Die Haag-Visby-Regeln von 1968 gelten in ~50 Staaten, darunter EU (alle), UK, Japan, Südkorea, Australien (modifiziert), Südafrika, Singapur, Vietnam, Mexiko, Argentinien, Chile, Saudi-Arabien, VAE. Plus Kanada (Water Carriage of Goods Act).
Grenze: 666,67 SZR pro Package oder 2 SZR/kg. 1 Jahr Verjährung. Navigationsfehler-Ausschluss erhalten.
Block 3: Die COGSA-1936-Zone (USA + Anhänger)
Die USA haben Haag-Visby nie ratifiziert und wenden die originalen Haager Regeln von 1924 über COGSA 1936 an. Haftungsgrenze: 500 USD pro Package. Nicht inflationsbereinigt seit 89 Jahren. Philippinen (als frühere US-Territorialmacht) wenden ein ähnliches Regime an. Liberia, Marshall Islands (als Flaggenstaaten) orientieren sich ebenso am COGSA-Modell.
Block 4: Die Haag-1924-Zone (Brasilien, Nigeria, Ghana, Pakistan)
Einige Staaten haben das Haag-Visby-Protokoll nicht ratifiziert und wenden nur die Ur-Haager Regeln von 1924 an. Haftungsgrenze: 100 £ Gold pro Package (~250 USD). In dieser Zone: Brasilien, Nigeria, Ghana, Elfenbeinküste, Pakistan. Warentransport-All-Risks ist dort de facto alternativlos.
Block 5: Die MÜ-1999-Zone (weltweite Luftfracht)
Das Montrealer Übereinkommen von 1999 ist mit 142 Ratifikationen (Stand 2026) das einheitlichste Transport-Haftungsregime der Welt. Alle großen Luftfracht-Nationen sind Mitglied: USA, China (2005), Indien (2009), EU, Japan, Korea, Singapur, Australien, Brasilien, Südafrika, Russland. Grenze: 22 SZR/kg. Verjährung: 2 Jahre.
Ausnahme: Warschauer Altfall-Staaten, bei denen MÜ noch nicht ratifiziert ist (einzelne afrikanische und zentralasiatische Staaten).
Block 6: Die CIM/COTIF-Schienenzone
COTIF 1999 mit Anhang CIM gilt in 50 Staaten: alle EU-Mitglieder, Ukraine, Türkei, Marokko, Tunesien, Libanon, Syrien, Iran, Irak, Aserbaidschan. Grenze: 17 SZR/kg. Schiene ist damit das großzügigste landbasierte Regime.
Parallel dazu: SMGS im post-sowjetischen Raum + China, Nordkorea, Vietnam, Mongolei. Beide Systeme treffen an der polnisch-weißrussischen Grenze (Brest/Terespol) aufeinander.
Block 7: USMCA-Binnen (USA-Mexiko-Kanada)
Kein einheitliches Regime. USA: Carmack Amendment (Full-Value-Default). Mexiko: Ley de Caminos (AGB-dominiert). Kanada: Common Law + Provincial Acts. Wer einen Truck von Monterrey nach Toronto schickt, durchläuft drei Regime.
Block 8: Mercosur + Andengemeinschaft (Südamerika)
CIT (Convenio sobre Transporte Internacional Terrestre): Straße in Brasilien, Argentinien, Paraguay, Uruguay, Bolivien, Chile. Haftung 2 SZR/kg – deutlich niedriger als CMR. Andengemeinschaft (Kolumbien, Peru, Ecuador, Bolivien) hat mit Entscheidung 399 CAN ein ähnliches, aber nicht identisches System.
Block 9: ASEAN – 10 Regimes auf einer Inselkette
Singapur (Haag-Visby + englisches Recht), Malaysia (Haag), Indonesien (eigener Code), Thailand (modifiziertes Haag), Vietnam (Haag-Visby), Philippinen (COGSA 1936), Myanmar (Haag), Laos/Kambodscha/Brunei (rudimentär). ASEAN Framework Agreement on Multimodal Transport von 2005 existiert auf dem Papier, ist aber selten angewendet.
Block 10: Afrika + GCC + Grauzonen
Afrika: Südafrika (Haag-Visby), Nigeria (Haag), Kenia/Tansania (Haag-Visby), Ägypten (Arab Maritime Code), Marokko (CMR-Signatar). Die East African Community hat ein Transit-System, aber kein Haftungs-Harmonisierungs-Regime.
GCC (Golfstaaten): Haag-Visby-ähnliche nationale Gesetze, DIFC Courts (Dubai) als bevorzugter Opt-In-Rechtsort.
Grauzonen: Somalia, Südsudan, Libyen, Myanmar (nach 2021), einige Länder mit reduzierter Staatsfunktion – dort ist Versicherung häufig nur gegen Aufschlag (War Risk, Piraterie) oder gar nicht erhältlich.
Das einheitliche Regime, das nie kam: Rotterdam Rules
Die Rotterdam Rules 2009 sollten die Seefracht weltweit vereinheitlichen. Nach 16 Jahren: 5 Ratifikationen. Inkrafttreten nicht absehbar. Das ist der deutlichste Beweis, dass im internationalen Transportrecht Fragmentierung Status quo bleibt.
Was das für die Versicherung bedeutet
Sechs praktische Konsequenzen:
- Warentransport-All-Risks (ICC A) ist in fast allen Blöcken die einzige Police, die den Warenwert abdeckt. Haftungsseitige Absicherung über den Carrier ist meistens ein symbolisches Restrisiko-Management.
- Rechtswahl zählt oft mehr als geographische Route. Ein B/L mit „English law, London jurisdiction" zieht die Sache in die Haag-Visby-Kernzone, auch wenn weder Ursprung noch Ziel in Europa liegen.
- Multimodal-Verträge mit FIATA FBL begrenzen bei Unknown-Mode auf 2 SZR/kg. Das ist die versteckte Haftungsfalle in allen transkontinentalen Routen.
- Luft ist weltweit einheitlich (MÜ). Wer planbar versichern will, transportiert wenn möglich per Luftfracht – was natürlich am Warenwert pro Kilogramm hängt.
- Sanktionen und War-Risk müssen pro Route geprüft werden. Seit 2022 mit erheblichen Änderungen für alle RU-, IR-, NK-, SD-Bezüge.
- Verjährung ist oft die stillste Falle. FIATA FBL: 9 Monate. COGSA: 1 Jahr. MÜ: 2 Jahre. CMR: 1 Jahr (3 bei Vorsatz). Wer die kürzeste Frist der gesamten Kette verpasst, verliert.
Zum Weiterlesen
- China–USA-Transport: Die CMR-Illusion
- Die 9-Monats-Falle
- Haftungsnavigator – interaktiver Entscheidungsbaum
- Rotterdam Rules – Ratifikationsstatus
- Länder-Haftungsmatrix (JSON) – Datengrundlage