Der Fall
Nachts um 3:14 Uhr: Ein Gelenk-Elektrobus in einem Betriebshof eines Nahverkehrsbetriebs geht in Flammen auf. Ursache: Thermal Runaway einer Akku-Zelle. Die Feuerwehr kommt nicht gegen den Brand an – Lithium-Ionen-Zellen reentzünden sich mehrfach. Der Brand greift auf den benachbarten Bus und die Hallenkonstruktion über. Nach 36 Stunden Dauerlöschung: 2 Busse Totalschaden, Halle erheblich beschädigt, Ladeinfrastruktur zerstört. Gesamtschaden ca. 3,5 Mio. Euro.
Kundenfrage
"Ist ein Depotbrand am stehenden Elektrobus eigentlich Kfz-Sache oder Gebäude-Feuer? Und warum will mein Versicherer plötzlich Prämienzuschläge für E-Busse?"
Rechtliche Einordnung
Bei einem Brand des stehenden, abgestellten Elektrobusses im Depot wird die Abgrenzung zwischen Kfz-Versicherung und Feuerversicherung komplex:
Kfz-Kasko (Teilkasko) nach A.2.2 AKB deckt "Brand oder Explosion", unabhängig von Ursache – also auch Akku-Thermal-Runaway. Voraussetzung: Das Fahrzeug steht unter Versicherungsschutz (Zulassung, laufender Vertrag). Bei Depotbränden greift die Teilkasko primär für das Fahrzeug selbst.
Feuerversicherung (Gebäude, Inhalt) deckt die Halle und die stationäre Ladeinfrastruktur. Beide Policen bearbeiten den Fall parallel, der Versicherungsnehmer führt beide Verträge.
Regressfragen: Wenn die Brandursache in einem Herstellerfehler des Akkus liegt, nimmt der Versicherer nach § 86 VVG Regress beim Hersteller (Produkthaftung nach ProdHaftG, §§ 823 ff. BGB). Industrielle Akku-Brände sind regelmäßig Produkthaftungsfälle. Die Aufklärung dauert oft Monate – der Versicherer reguliert vor und nimmt danach Regress.
Zunehmende Zeichnungszurückhaltung: Lithium-Ionen-Akkus mit > 500 kWh Kapazität gelten in der industriellen Feuerversicherung als erhöhtes Risiko. Mehrere Rückversicherer (u. a. Munich Re, Swiss Re Studien 2023/2024) haben auf erhöhte Schadenquoten bei E-Bus-Depots hingewiesen. Folgen:
- Prämienzuschläge 50–200 % gegenüber Dieselbus-Depot
- Auflagen: Abstand zwischen Ladestationen > 3 m, Brandabschnittsmauern, automatische Löschanlagen (Sprinkler mit Schaum oder CO2), Rauchdetektoren an jedem Ladepunkt
- Selbstbehalte: 50.000–250.000 Euro je Schadenereignis
- Teilweise Ausschluss der Thermal-Runaway-Schäden in Standardverträgen
Technische Normen: VdS 3103 (Richtlinie Lithium-Ionen-Batterien), VDE-AR-E 2510-50 (Stationäre Speichersysteme), DIN EN IEC 63056. Einhaltung ist oft Versicherungsbedingung.
Haftung gegenüber Nachbarbetrieben: Bei Übergriff des Brandes auf Nachbarhallen greift die Betriebshaftpflicht (erweiterte Feuerhaftung). Bei Wohngebäuden im Umkreis kommt das Nachbarrechtsgesetz (§ 906 BGB) ins Spiel – hier ist Betriebshaftpflicht mit ausreichend hoher Deckung zwingend.
Praktische Lehren für Kunden
- Depot-Neu- oder Umbau mit E-Bus-Laden: VdS 3103 und aktuelle Feuerversicherer-Auflagen VOR dem Bau einholen.
- Brandschutzgutachten erstellen lassen (externer Sachverständiger) und Versicherer-Auflagen dokumentieren.
- Getrennte Brandabschnitte für Lade- und Wartungsbereich, Mindestabstand 3 m zwischen Ladestationen.
- Automatische Brandfrüherkennung mit Zellspannungs-Monitoring (Batterie-Management-System, BMS) – Sensordaten an Gebäudeleittechnik weiterleiten.
- Betriebsunterbrechungsversicherung für E-Bus-Flotten mit ausreichender Haftzeit (12–24 Monate) – Wiederbeschaffungszeit liegt bei Gelenkbussen aktuell bei 9–15 Monaten.
- Schulung der Fahrer und Werkstattmitarbeiter auf "Thermal Runaway" und Notabschaltung – VdS-anerkannte Schulungen.
- Kfz-Kasko-Deckungssumme an Neuwert Elektrobus anpassen (aktuell 450.000–650.000 Euro je Gelenk-E-Bus, deutlich höher als Dieselversion).
Verweise
- Pillar: /bus-versicherung
- FAQ: /bus-versicherung/faq/elektrobus-versicherung-besonderheiten
- FAQ: /bus-versicherung/faq/betriebsunterbrechung-busunternehmen