Transport-WikiIHK-Lernfeld 7 — See- und Luftfracht

✔ Letzte Überprüfung: 2026-04-28

Incoterms 2020 — See-Klauseln FAS, FOB, CFR, CIF

✔ Verifiziert · Quelle: ICC International Chamber of Commerce — Incoterms® 2020 Official Rules, See-Klauseln-Spezifikation · geprüft von Ter1 · Stand 2026-04-28

Die IHK-Prüfungsfrage

> „Erläutern Sie die vier See-Klauseln nach Incoterms 2020 (FAS, FOB, CFR, CIF). Wo ist jeweils der Risiko-Übergangs­punkt? Welche Versicherungs­pflicht hat der Verkäufer bei CIF, welche bei CIP? Warum sind diese Klauseln für Container-Verkehr ungeeignet?"

(Standard-Frage IHK Lf7, häufig in Verbindung mit B/L-Konnossement-Aufgaben.)

Der typische Irrtum

  1. „FAS, FOB, CFR, CIF gelten für jede Form von Seefracht." Falsch — die ICC-Richtlinien 2020 schränken die Anwendung explizit ein: nur für Massengut, Stückgut, Schwergut, Projekt­ladung und konventionelle Seefracht, NICHT für Container im Linien­dienst.
  2. „FOB-Risiko übergeht an Ship's Rail." Falsch — seit Incoterms 2010 ist es „on board the vessel". Die Ship's-Rail-Tradition ist beendet.
  3. „CIF-Versicherung deckt 110 % des Vertragswerts in voller Police-Klausel A." Halb richtig — CIF verpflichtet nur zur Mindest­deckung (C) der Institute Cargo Clauses (sehr eingeschränkt). Vollkasko-Deckung (A) muss separat vereinbart werden.
  4. „CIF und CFR unterscheiden sich nur durch Versicherung." Halb richtig — Risiko-Übergang gleich (on board), aber zusätzlich CIF-Versicherer-Pflicht beim Verkäufer. Bei Schaden in See: Käufer reklamiert direkt bei Versicherer (Police auf Käufer übertragen).
  5. „Bei FAS muss Verkäufer entladen am Kai." Falsch — FAS = Free Alongside Ship, Verkäufer stellt Ware neben dem Schiff auf den Kai. Beladen ist Käufer-Sache (Hafen-Stauer im Auftrag Käufer).

Die rechtliche Wahrheit

Die vier See-Klauseln im Detail

Klausel Voller Name Risiko-Übergang Kosten Verkäufer trägt bis...
FAS Free Alongside Ship Wenn Ware neben Schiff im Lade­hafen Lade­hafen
FOB Free on Board Wenn Ware an Bord im Lade­hafen Lade­hafen
CFR Cost and Freight Wenn Ware an Bord im Lade­hafen (gleich FOB) Lösch­hafen + Hauptlauf-Fracht
CIF Cost, Insurance, Freight Wenn Ware an Bord im Lade­hafen (gleich FOB/CFR) Lösch­hafen + Hauptlauf-Fracht + Mindest-Versicherung

Risiko-Übergang vs. Kosten-Übergang — die kritische Trennung

Risiko (Wer haftet bei Verlust/Beschädigung?) Kosten (Wer zahlt Fracht/Versicherung?)
C-Klauseln (CFR/CIF) Käufer ab Verladung (Lade­hafen) Verkäufer bis Lösch­hafen
F-Klauseln (FAS/FOB) Käufer ab Verladung Käufer ab Verladung

Praxis-Konsequenz CIF: Verkäufer zahlt Fracht + Versicherung bis Bestimmungs­hafen, trägt aber nicht das Risiko nach Verladung. Schaden auf See = Käufer reklamiert bei Versicherer (Police-Übertragung über Konnossement-Indossament).

CIF-Versicherungs-Mindest­standard

Incoterms 2020 verlangt für CIF nur Institute Cargo Clauses (C) — die schmalste Marine-Cargo-Police mit eingeschränkten Risiken:

  • Brand, Explosion
  • Stranden, Sinken
  • Kollision
  • Allgemeine Hava­rie

Nicht gedeckt (außer Vereinbarung):

  • Diebstahl, Pilferage
  • Bruchschäden, Wasserschaden
  • Verzögerungs­schäden
  • Vor-/Nachlauf-Schäden

CIP-Vergleich (Multimodal-Pendant): CIP verlangt seit Incoterms 2020 die Klauseln (A) (All Risks) — strengerer Standard. CIF ist relativ zu CIP also schlechter abgesichert.

Die Container-Falle bei FOB (häufigster Praxis-Fehler)

Problem: Bei Container-Linien­dienst übergibt Verlader den Container i. d. R. an einem Container Yard (CY) oder einem Containerfreight-Station (CFS) mehrere Stunden / Tage vor Schiffs-Verladung.

Wenn FOB vereinbart ist:

  • Risiko-Übergang erst on board (= Verladung des Containers auf das Schiff)
  • Schäden im Hafen-CY (Diebstahl, Schaden bei Lager­bewegung) gehen zu Lasten Verkäufer
  • Verkäufer hat aber keine Kontrolle mehr über Container

Lösung: Stattdessen FCA Container Yard vereinbaren — Risiko übergeht bei Übergabe an Container Yard / CFS (Käufer trägt ab dort).

ICC-Empfehlung (Incoterms 2020 Foreword): FAS/FOB/CFR/CIF nur für Massengut + Stückgut in konventioneller Seefracht (Schiff bei Verladung im Hafen).

Beladungs-Verantwortlichkeiten

Klausel Wer beladet das Schiff? Wer beauftragt Stauer?
FAS Käufer Käufer
FOB Verkäufer (oft inkl. Stauer-Kosten) Verkäufer
CFR Verkäufer Verkäufer
CIF Verkäufer Verkäufer

In der Praxis erfolgen Belade-/Lösch-Operationen oft pauschal über Hafen-Tarife (Liner-Terms vs. Free-In/Free-Out-Terms).

Konnossement-Übertragung bei C-Klauseln

Klausel Wer hat Original-B/L?
CFR / CIF Verkäufer übergibt Original-B/L an Käufer (über Bank bei Akkreditiv)
FAS / FOB Käufer beauftragt Reederei direkt; B/L kommt direkt an Käufer

Akkreditiv-Praxis (Letter of Credit): Bank zahlt Verkäufer gegen Vorlage Original-B/L

  • Versicherungs-Police (CIF) + Handels-Rechnung. Bank überträgt Dokumente an Käufer.

Lade-Phasen + Risiko-Übergang detailliert

`` Verkäufer-Werk ↓ (Vorlauf, F-Klausel-Käufer-Risiko bei FAS/FOB ab Werk; C-Klausel: Verkäufer-Risiko) Lade-Hafen Container Yard / CFS ↓ Hafen-Kai (= „Alongside Ship") ← FAS-Risiko-Übergang ↓ Verladung an Bord ← FOB / CFR / CIF Risiko-Übergang ↓ See-Strecke ← Käufer trägt Risiko (auch bei C-Klauseln) ↓ Lösch-Hafen Kai ↓ Lösch-Hafen Container Yard ↓ Käufer-Werk ``

Schadensfall-Beispiel — die FOB-Container-Falle

Sachverhalt: Verkäufer V (DE) verkauft 1 × 40' Container Maschinen­teile nach Singapur, Wert 380.000 EUR, Klausel „FOB Hamburg Incoterms 2020".

V übergibt Container am 1. März im Hamburg-Container-Yard (Pier 7) an Reederei. Schiff verlädt erst am 5. März.

Schaden: In der Nacht 3.→4. März wird Container im CY aufgebrochen, Maschinen­teile gestohlen. CY-Sicherheits-Kameras sind defekt, kein Beweis für Täter.

Folgen:

  • Risiko-Übergang FOB on board → Schaden vor Verladung = Verkäufer-Risiko
  • V kann nicht von Käufer Zahlung verlangen (nur Schaden + ggf. Bank-Klage)
  • V muss eigene Cargo-Insurance aktivieren (falls vorhanden) — bei FOB selten standardisiert
  • Schaden 380.000 EUR bleibt bei V

Was wäre besser gewesen?

Alternative Risiko-Übergang Vorteil V
FCA Hamburg Container Yard Bei Übergabe an Yard V wäre raus aus Risiko ab CY-Übergabe
EXW Werk-Stuttgart Bei Werk-Bereitstellung V trägt minimal-Risiko
CIF Singapur On board, aber V hat Versicherungs-Pflicht V hätte Versicherung gehabt — aber Police (C) hätte CY-Diebstahl evtl. nicht gedeckt

Lehre:

  • Bei Container-Lieferung niemals FOB — immer FCA
  • Bei Akkreditiv-Geschäften: Bank verlangt oft FOB/CIF — dann zwingt Verkäufer eigene Versicherung gegen Pre-Loading-Risiken
  • Spediteur sollte Verkäufer beraten + Vertragspartner­warnungen geben

Cross-Links

Quellen

  1. ICC Incoterms 2020 Official Rules. https://iccwbo.org/business-solutions/incoterms-rules/
  2. ICC Incoterms 2020 Practical Guide / Foreword zu See-Klausel-Restriktionen. https://iccwbo.org/business-solutions/incoterms-rules/incoterms-2020/
  3. Institute Cargo Clauses (A), (B), (C) — IUA London Standard-Police­klauseln. https://www.lmalloyds.com/lma/jct/JCT11_clauses.aspx
  4. HGB §§ 481 ff. Seehandel. https://www.gesetze-im-internet.de/hgb/BJNR002190897.html#BJNR002190897BJNG019700377
  5. DIHK-Veröffentlichung Incoterms 2020 (frei). https://www.dihk.de/de/themen-und-positionen/wirtschaftspolitik/aussenwirtschaft/incoterms
  6. UNCITRAL Comments to Incoterms für internationalen Standardisierungs-Bezug. https://uncitral.un.org/

Stand: 2026-04-28. Inhalt dient der Information, nicht der Rechtsberatung.

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