Die IHK-Prüfungsfrage
> „Erläutern Sie die vier See-Klauseln nach Incoterms 2020 (FAS, FOB, CFR, CIF). Wo ist jeweils der Risiko-Übergangspunkt? Welche Versicherungspflicht hat der Verkäufer bei CIF, welche bei CIP? Warum sind diese Klauseln für Container-Verkehr ungeeignet?"
(Standard-Frage IHK Lf7, häufig in Verbindung mit B/L-Konnossement-Aufgaben.)
Der typische Irrtum
- „FAS, FOB, CFR, CIF gelten für jede Form von Seefracht." Falsch — die ICC-Richtlinien 2020 schränken die Anwendung explizit ein: nur für Massengut, Stückgut, Schwergut, Projektladung und konventionelle Seefracht, NICHT für Container im Liniendienst.
- „FOB-Risiko übergeht an Ship's Rail." Falsch — seit Incoterms 2010 ist es „on board the vessel". Die Ship's-Rail-Tradition ist beendet.
- „CIF-Versicherung deckt 110 % des Vertragswerts in voller Police-Klausel A." Halb richtig — CIF verpflichtet nur zur Mindestdeckung (C) der Institute Cargo Clauses (sehr eingeschränkt). Vollkasko-Deckung (A) muss separat vereinbart werden.
- „CIF und CFR unterscheiden sich nur durch Versicherung." Halb richtig — Risiko-Übergang gleich (on board), aber zusätzlich CIF-Versicherer-Pflicht beim Verkäufer. Bei Schaden in See: Käufer reklamiert direkt bei Versicherer (Police auf Käufer übertragen).
- „Bei FAS muss Verkäufer entladen am Kai." Falsch — FAS = Free Alongside Ship, Verkäufer stellt Ware neben dem Schiff auf den Kai. Beladen ist Käufer-Sache (Hafen-Stauer im Auftrag Käufer).
Die rechtliche Wahrheit
Die vier See-Klauseln im Detail
| Klausel | Voller Name | Risiko-Übergang | Kosten Verkäufer trägt bis... |
|---|---|---|---|
| FAS | Free Alongside Ship | Wenn Ware neben Schiff im Ladehafen | Ladehafen |
| FOB | Free on Board | Wenn Ware an Bord im Ladehafen | Ladehafen |
| CFR | Cost and Freight | Wenn Ware an Bord im Ladehafen (gleich FOB) | Löschhafen + Hauptlauf-Fracht |
| CIF | Cost, Insurance, Freight | Wenn Ware an Bord im Ladehafen (gleich FOB/CFR) | Löschhafen + Hauptlauf-Fracht + Mindest-Versicherung |
Risiko-Übergang vs. Kosten-Übergang — die kritische Trennung
| Risiko (Wer haftet bei Verlust/Beschädigung?) | Kosten (Wer zahlt Fracht/Versicherung?) | |
|---|---|---|
| C-Klauseln (CFR/CIF) | Käufer ab Verladung (Ladehafen) | Verkäufer bis Löschhafen |
| F-Klauseln (FAS/FOB) | Käufer ab Verladung | Käufer ab Verladung |
Praxis-Konsequenz CIF: Verkäufer zahlt Fracht + Versicherung bis Bestimmungshafen, trägt aber nicht das Risiko nach Verladung. Schaden auf See = Käufer reklamiert bei Versicherer (Police-Übertragung über Konnossement-Indossament).
CIF-Versicherungs-Mindeststandard
Incoterms 2020 verlangt für CIF nur Institute Cargo Clauses (C) — die schmalste Marine-Cargo-Police mit eingeschränkten Risiken:
- Brand, Explosion
- Stranden, Sinken
- Kollision
- Allgemeine Havarie
Nicht gedeckt (außer Vereinbarung):
- Diebstahl, Pilferage
- Bruchschäden, Wasserschaden
- Verzögerungsschäden
- Vor-/Nachlauf-Schäden
CIP-Vergleich (Multimodal-Pendant): CIP verlangt seit Incoterms 2020 die Klauseln (A) (All Risks) — strengerer Standard. CIF ist relativ zu CIP also schlechter abgesichert.
Die Container-Falle bei FOB (häufigster Praxis-Fehler)
Problem: Bei Container-Liniendienst übergibt Verlader den Container i. d. R. an einem Container Yard (CY) oder einem Containerfreight-Station (CFS) mehrere Stunden / Tage vor Schiffs-Verladung.
Wenn FOB vereinbart ist:
- Risiko-Übergang erst on board (= Verladung des Containers auf das Schiff)
- Schäden im Hafen-CY (Diebstahl, Schaden bei Lagerbewegung) gehen zu Lasten Verkäufer
- Verkäufer hat aber keine Kontrolle mehr über Container
Lösung: Stattdessen FCA Container Yard vereinbaren — Risiko übergeht bei Übergabe an Container Yard / CFS (Käufer trägt ab dort).
ICC-Empfehlung (Incoterms 2020 Foreword): FAS/FOB/CFR/CIF nur für Massengut + Stückgut in konventioneller Seefracht (Schiff bei Verladung im Hafen).
Beladungs-Verantwortlichkeiten
| Klausel | Wer beladet das Schiff? | Wer beauftragt Stauer? |
|---|---|---|
| FAS | Käufer | Käufer |
| FOB | Verkäufer (oft inkl. Stauer-Kosten) | Verkäufer |
| CFR | Verkäufer | Verkäufer |
| CIF | Verkäufer | Verkäufer |
In der Praxis erfolgen Belade-/Lösch-Operationen oft pauschal über Hafen-Tarife (Liner-Terms vs. Free-In/Free-Out-Terms).
Konnossement-Übertragung bei C-Klauseln
| Klausel | Wer hat Original-B/L? |
|---|---|
| CFR / CIF | Verkäufer übergibt Original-B/L an Käufer (über Bank bei Akkreditiv) |
| FAS / FOB | Käufer beauftragt Reederei direkt; B/L kommt direkt an Käufer |
Akkreditiv-Praxis (Letter of Credit): Bank zahlt Verkäufer gegen Vorlage Original-B/L
- Versicherungs-Police (CIF) + Handels-Rechnung. Bank überträgt Dokumente an Käufer.
Lade-Phasen + Risiko-Übergang detailliert
`` Verkäufer-Werk ↓ (Vorlauf, F-Klausel-Käufer-Risiko bei FAS/FOB ab Werk; C-Klausel: Verkäufer-Risiko) Lade-Hafen Container Yard / CFS ↓ Hafen-Kai (= „Alongside Ship") ← FAS-Risiko-Übergang ↓ Verladung an Bord ← FOB / CFR / CIF Risiko-Übergang ↓ See-Strecke ← Käufer trägt Risiko (auch bei C-Klauseln) ↓ Lösch-Hafen Kai ↓ Lösch-Hafen Container Yard ↓ Käufer-Werk ``
Schadensfall-Beispiel — die FOB-Container-Falle
Sachverhalt: Verkäufer V (DE) verkauft 1 × 40' Container Maschinenteile nach Singapur, Wert 380.000 EUR, Klausel „FOB Hamburg Incoterms 2020".
V übergibt Container am 1. März im Hamburg-Container-Yard (Pier 7) an Reederei. Schiff verlädt erst am 5. März.
Schaden: In der Nacht 3.→4. März wird Container im CY aufgebrochen, Maschinenteile gestohlen. CY-Sicherheits-Kameras sind defekt, kein Beweis für Täter.
Folgen:
- Risiko-Übergang FOB on board → Schaden vor Verladung = Verkäufer-Risiko
- V kann nicht von Käufer Zahlung verlangen (nur Schaden + ggf. Bank-Klage)
- V muss eigene Cargo-Insurance aktivieren (falls vorhanden) — bei FOB selten standardisiert
- Schaden 380.000 EUR bleibt bei V
Was wäre besser gewesen?
| Alternative | Risiko-Übergang | Vorteil V |
|---|---|---|
| FCA Hamburg Container Yard | Bei Übergabe an Yard | V wäre raus aus Risiko ab CY-Übergabe |
| EXW Werk-Stuttgart | Bei Werk-Bereitstellung | V trägt minimal-Risiko |
| CIF Singapur | On board, aber V hat Versicherungs-Pflicht | V hätte Versicherung gehabt — aber Police (C) hätte CY-Diebstahl evtl. nicht gedeckt |
Lehre:
- Bei Container-Lieferung niemals FOB — immer FCA
- Bei Akkreditiv-Geschäften: Bank verlangt oft FOB/CIF — dann zwingt Verkäufer eigene Versicherung gegen Pre-Loading-Risiken
- Spediteur sollte Verkäufer beraten + Vertragspartnerwarnungen geben
Cross-Links
- Konnossement + Haag-Visby-Regeln (Lf7)
- Air Waybill + IATA-Cargo (Lf7)
- Container-Stauung + Securing (Lf7)
- Multimodal-Transport + Himalaya-Klausel (Lf7)
- Incoterms 2020 Gefahr- vs. Haftungsübergang (Lf3 — Land-Pendant)
- Incoterms 2020 — Zoll- und Ausfuhr/Einfuhr-Zuständigkeit (Lf6 — Zoll-Aspekt)
Quellen
- ICC Incoterms 2020 Official Rules. https://iccwbo.org/business-solutions/incoterms-rules/
- ICC Incoterms 2020 Practical Guide / Foreword zu See-Klausel-Restriktionen. https://iccwbo.org/business-solutions/incoterms-rules/incoterms-2020/
- Institute Cargo Clauses (A), (B), (C) — IUA London Standard-Policeklauseln. https://www.lmalloyds.com/lma/jct/JCT11_clauses.aspx
- HGB §§ 481 ff. Seehandel. https://www.gesetze-im-internet.de/hgb/BJNR002190897.html#BJNR002190897BJNG019700377
- DIHK-Veröffentlichung Incoterms 2020 (frei). https://www.dihk.de/de/themen-und-positionen/wirtschaftspolitik/aussenwirtschaft/incoterms
- UNCITRAL Comments to Incoterms für internationalen Standardisierungs-Bezug. https://uncitral.un.org/