Worum geht es?
Wenn Sie als Spediteur oder Verlader Container über die Hochsee schicken, denken Sie wahrscheinlich, eine Marine Cargo Insurance decke „alles ab". Das stimmt nicht. Standard-Policen schließen die wirklich teuren Krisen-Risiken explizit aus — und genau die treten im Welthandel zur Zeit häufig ein:
- Houthi-Drohnen + Raketen im Roten Meer (seit Nov. 2023)
- Russland-/Ukraine-Konflikt Schwarzes Meer
- Somali-Piraterie wieder zunehmend (2024)
- Strait of Hormuz Iran-USA-Spannungen
Wer ohne Zusatz-Cover verschickt, trägt das Risiko selbst.
Was die Standard-Police NICHT deckt
Die Institute Cargo Clauses (A) — All Risks sind die umfassendste Standard-Police für Marine Cargo. Aber selbst sie schließen folgende Risiken per default aus:
| Ausschluss-Klausel | Inhalt |
|---|---|
| War Exclusion (Cl. 6) | Krieg, Bürgerkrieg, Revolution, Aufruhr, Aufstand, gewaltsamer Machtwechsel |
| Strikes Exclusion (Cl. 7) | Streiks, Aussperrungen, Tumulte, Sabotage durch Demonstranten |
| Terrorism Exclusion (in Praxis als Variante 6 oder 7) | Terror-Anschläge mit politischer Motivation |
| Nuclear Exclusion | Radioaktiv-/atomar-bedingte Schäden |
Piraterie war historisch im War-Exclusion enthalten — 2009 wurde das geändert, seitdem ist Piraterie in den Cargo Clauses (A) standardmäßig mitversichert. Bei Cargo Clauses (B) und (C) ist Piraterie weiterhin Ausschluss → Zusatz-Klausel nötig.
Die zwei Zusatz-Policen
1. Institute War Clauses (Cargo) — JC2009/056
Deckt explizit:
- Krieg, Bürgerkrieg, Revolution, Rebellion, Aufruhr, gewaltsamer Machtwechsel
- Erfassung, Beschlagnahme, Anhaltung durch Kriegführende
- Streumunition, Minen, Torpedos, Bomben — ob herrenlos oder gezielt
- Beschuss durch militärisches Gerät
Nicht gedeckt:
- Schäden an Bord von Container-Schiffen außerhalb der Listed Areas (siehe unten)
- Reine Piraterie (deckt Cargo Clauses A bereits)
2. Institute Strikes Clauses (Cargo)
Deckt:
- Streik, Aussperrung, Arbeitseinstellung
- Tumulte, Aufruhr (politisch motivierte)
- Sabotage durch Demonstranten
- Terror-Anschläge (in modernen Versionen)
Die „Listed Areas" — wo automatisch Aufpreis fällt
Das Joint War Committee (JWC) in London veröffentlicht laufend eine Liste von „Listed Areas" — Gebieten mit erhöhtem Krieg-/Piraterie-Risiko. Wer durch diese Gebiete fährt, zahlt automatischen War-Risk-Aufschlag (Additional Premium, AP).
Stand April 2025 (Auswahl):
| Gebiet | Hauptrisiko | AP-Aufschlag (typisch) |
|---|---|---|
| Rotes Meer + Bab-el-Mandeb | Houthi-Angriffe | 0,5–1,0 % der Cargo-Versicherungssumme |
| Schwarzes Meer (UA-/RU-Häfen) | Russland-Konflikt | 0,5–2,0 % |
| Strait of Hormuz | Iran-Spannungen | 0,1–0,3 % |
| Golf von Guinea (Nigeria-Küste) | Piraterie | 0,1–0,3 % |
| Somalia-Küste (HRA) | Piraterie (wieder zunehmend 2024) | 0,1–0,3 % |
| Israel-Häfen | Hamas-Konflikt seit Okt. 2023 | 0,3–0,7 % |
| Libyen-Häfen | Bürgerkrieg | 0,3–0,5 % |
Quelle (laufende Aktualisierung): Joint War Committee Listed Areas (Lloyd's-Marktanteil).
Aktuelle Krisen-Hotspots 2025
Rotes Meer / Bab-el-Mandeb
Seit November 2023 Houthi-Angriffe auf Handelsschiffe (Drohnen, Raketen, Boots-Angriffe). Auswirkungen:
- ~50 % der Container-Tonnage durch Bab-el-Mandeb (Suez-Route Asien-Europa) umrouten über
Kap der Guten Hoffnung = +10–14 Tage Transit, +20–30 % Bunkerkosten
- Durch Suez fahren weiterhin ~50 % (besonders chinesische Carrier mit RU-Verbindungen)
- War-Risk-Aufschlag im Roten Meer: 0,5–1,0 % der Cargo-Versicherungssumme
- Lloyd's-Markt sieht Volumens-Versicherungen mit automatischem Endorsement
Schwarzes Meer
Ukraine-Häfen Odessa, Tschornomorsk, Pivdennyi: Getreide-Korridor (humanitarisch), aber War-Risk-Aufschlag bis 2 % der Cargo-Summe. Russische Häfen (Noworossijsk): ähnlich, plus Sanktions-Risiko (siehe Lf6-Sanktionen).
Strait of Hormuz
20 % der globalen Erdöl-Lieferungen passieren hier. Iran-USA-Spannungen seit 2024 wieder akut. War-Risk-Aufschläge moderat, weil Strecke kurz.
Spediteur-Aufgaben in der Praxis
- Routing-Prüfung vor Auftragsannahme: Wenn Strecke durch Listed Area, Verlader auf
Aufpreis hinweisen
- Versicherungs-Bestätigung einholen: Cargo-Police inkl. War + Strikes? Sonst Zusatz
beantragen
- Ausnahmen kommunizieren: „Kap-Umweg" als Alternative zur Suez-Route anbieten
- Eigene NVOCC-Police prüfen: Wer als Vertragsfrachtführer eigene Haftung hat,
sollte War-Risk-Cover für sein Haftungsvolumen haben
- Krisen-Update-Abo: Joint War Committee Listed Areas + Maritime Security Center
Indian Ocean (MSCHOA) abonnieren
Kidnap & Ransom (K&R) — die Crew-Cover
Wenn Schiff durch Piraten gekapert wird, sind nicht nur Cargo-Schäden Thema. Crew kann gefangengenommen werden, Reederei zahlt ggf. Lösegeld.
K&R-Policen (üblicherweise als „Hijacking & Ransom" über Lloyd's-Markt):
- Decken Lösegeld-Zahlung
- Decken Verhandlungs-Berater-Honorare
- Decken Crew-Bewachung-Kosten nach Befreiung
- Cover-Summen typisch 5–25 Mio USD
Praxis-Hinweis: K&R ist primär Reeder-Sache, nicht Spediteur / Verlader. Aber: Sammelladungs-Sendung im gekaperten Schiff ist im General Average (Havarie-Grosse) erfasst — kann den Cargo-Eigentümer indirekt belasten.
Fiktives Beispiel zur Erläuterung — der Houthi-Angriff
Situation: Verlader V verschickt 12 Container Maschinenteile (Wert je 80.000 EUR) von Shanghai nach Hamburg, Standard-Route über Suez-Kanal. Zeitpunkt Februar 2024 mitten in der Houthi-Eskalation.
Sendung wird im Roten Meer von einer Drohne getroffen. 4 Container brennen aus, 8 Container wegen Lösch-Wasser stark beschädigt. Schaden gesamt ca. 750.000 EUR.
Police-Prüfung:
- Cargo-Police (A) — All Risks ✓ vorhanden
- Aber: War Exclusion (Cl. 6) — Drohnen-Angriff = Krieg / militärische Aktion
- Standard-Police lehnt Zahlung ab
Wäre War-Risk-Cover gebucht gewesen:
- Aufschlag wäre 0,75 % × Cargo-Summe (960.000 EUR) = 7.200 EUR
- Schaden 750.000 EUR voll gedeckt
Tatsächlicher Verlauf:
- V wendet sich an Spediteur S (NVOCC mit House-B/L)
- S hatte Standard-Cargo-Cover ohne War-Risk gebucht
- S beruft sich auf Haag-Visby-Höchsthaftung (12 × 666,67 SDR ≈ 10.240 EUR)
- V verlangt von S Schadenersatz wegen unterlassener Aufklärung über War-Risk-Bedarf
- Streit endet im Vergleich: S zahlt 60.000 EUR, V trägt 690.000 EUR
- S verliert V als Stamm-Kunden
Was lerne ich daraus als Spediteur?
- Reden Sie mit dem Verlader über War-Risk bevor die Sendung ins Schiff geht — auch wenn
das verkaufspsychologisch unangenehm ist. Schweigen kostet später mehr.
- Listed Areas verändern sich monatlich — abonnieren Sie das Joint War Committee Update.
- Bei Suez-Strecke ist der Aufpreis derzeit Standard — kalkulieren Sie ihn in Ihre Tarife ein.
- Routing-Alternative Kap der Guten Hoffnung ist nicht schöner, aber sicherer und planbar.
+10 Tage, +25 % Fracht ist oft die bessere Wahl als 1.000 EUR Versicherungs-Aufpreis.
- Eigene NVOCC-Haftpflicht muss War-Risk enthalten — sonst zahlen Sie selbst, was die
Cargo-Versicherung Ihres Kunden ablehnt.
Cross-Links
- Konnossement + Haag-Visby-Regeln (Lf7 — Höchsthaftungs-Bezug)
- Air Waybill + IATA-Cargo (Lf7)
- Multimodal-Transport + Himalaya-Klausel (Lf7)
- Container-Stauung + Securing (Lf7)
- Incoterms 2020 — See-Klauseln (Lf7 — CIF-Versicherungs-Pflicht)
- Hub-and-Spoke + Routing Luftfracht (Lf7)
- EU-Sanktionen Russland + Belarus (Lf6 — Bezug Schwarzes Meer)
Quellen
- Joint Cargo Committee (Lloyd's London) — Standard-Klauseln. https://www.lmalloyds.com/lma/jct/JCT11_clauses.aspx
- Institute Cargo Clauses (A), (B), (C) — IUA London. https://www.lmalloyds.com/
- Institute War Clauses (Cargo) JC2009/056 + Strikes Clauses. https://www.lmalloyds.com/lma/jct/
- Joint War Committee — Listed Areas (laufend aktualisiert). https://www.lmalloyds.com/jwc-listed-areas
- Maritime Security Center Indian Ocean (MSCHOA) — Risiko-Updates. https://www.mschoa.org/
- EU-Marine Operation ASPIDES (Rotes Meer, gegen Houthi). https://www.eeas.europa.eu/eunavfor-aspides/
- HGB §§ 498 ff. Seehandel + Höhere Gewalt. https://www.gesetze-im-internet.de/hgb/BJNR002190897.html#BJNR002190897BJNG019700377
- IMB Piracy Reporting Centre. https://www.icc-ccs.org/piracy-reporting-centre