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✔ Letzte Überprüfung: 2026-04-28

Piracy + War-Risk-Policen — was Versender und Spediteure wissen müssen

✔ Verifiziert · Quelle: Joint Cargo Committee London — Institute War Clauses (Cargo) JC2009/056 + Strikes Clauses + Listed Areas · geprüft von Ter1 · Stand 2026-04-28

Worum geht es?

Wenn Sie als Spediteur oder Verlader Container über die Hochsee schicken, denken Sie wahrscheinlich, eine Marine Cargo Insurance decke „alles ab". Das stimmt nicht. Standard-Policen schließen die wirklich teuren Krisen-Risiken explizit aus — und genau die treten im Welt­handel zur Zeit häufig ein:

  • Houthi-Drohnen + Raketen im Roten Meer (seit Nov. 2023)
  • Russland-/Ukraine-Konflikt Schwarzes Meer
  • Somali-Piraterie wieder zunehmend (2024)
  • Strait of Hormuz Iran-USA-Spannungen

Wer ohne Zusatz-Cover verschickt, trägt das Risiko selbst.

Was die Standard-Police NICHT deckt

Die Institute Cargo Clauses (A) — All Risks sind die umfassendste Standard-Police für Marine Cargo. Aber selbst sie schließen folgende Risiken per default aus:

Ausschluss-Klausel Inhalt
War Exclusion (Cl. 6) Krieg, Bürger­krieg, Revolution, Aufruhr, Aufstand, gewalt­samer Macht­wechsel
Strikes Exclusion (Cl. 7) Streiks, Aussperrungen, Tumulte, Sabotage durch Demonstranten
Terrorism Exclusion (in Praxis als Variante 6 oder 7) Terror-Anschläge mit politischer Motivation
Nuclear Exclusion Radioaktiv-/atomar-bedingte Schäden

Piraterie war historisch im War-Exclusion enthalten — 2009 wurde das geändert, seitdem ist Piraterie in den Cargo Clauses (A) standard­mäßig mitversichert. Bei Cargo Clauses (B) und (C) ist Piraterie weiterhin Ausschluss → Zusatz-Klausel nötig.

Die zwei Zusatz-Policen

1. Institute War Clauses (Cargo) — JC2009/056

Deckt explizit:

  • Krieg, Bürger­krieg, Revolution, Rebellion, Aufruhr, gewalt­samer Macht­wechsel
  • Erfassung, Beschlagnahme, Anhaltung durch Krieg­führende
  • Streumunition, Minen, Torpedos, Bomben — ob herrenlos oder gezielt
  • Beschuss durch militärisches Gerät

Nicht gedeckt:

  • Schäden an Bord von Container-Schiffen außerhalb der Listed Areas (siehe unten)
  • Reine Piraterie (deckt Cargo Clauses A bereits)

2. Institute Strikes Clauses (Cargo)

Deckt:

  • Streik, Aussperrung, Arbeits­einstellung
  • Tumulte, Aufruhr (politisch motivierte)
  • Sabotage durch Demonstranten
  • Terror-Anschläge (in modernen Versionen)

Die „Listed Areas" — wo automatisch Aufpreis fällt

Das Joint War Committee (JWC) in London veröffentlicht laufend eine Liste von „Listed Areas" — Gebieten mit erhöhtem Krieg-/Piraterie-Risiko. Wer durch diese Gebiete fährt, zahlt automatischen War-Risk-Aufschlag (Additional Premium, AP).

Stand April 2025 (Auswahl):

Gebiet Hauptrisiko AP-Aufschlag (typisch)
Rotes Meer + Bab-el-Mandeb Houthi-Angriffe 0,5–1,0 % der Cargo-Versicherungs­summe
Schwarzes Meer (UA-/RU-Häfen) Russland-Konflikt 0,5–2,0 %
Strait of Hormuz Iran-Spannungen 0,1–0,3 %
Golf von Guinea (Nigeria-Küste) Piraterie 0,1–0,3 %
Somalia-Küste (HRA) Piraterie (wieder zunehmend 2024) 0,1–0,3 %
Israel-Häfen Hamas-Konflikt seit Okt. 2023 0,3–0,7 %
Libyen-Häfen Bürger­krieg 0,3–0,5 %

Quelle (laufende Aktualisierung): Joint War Committee Listed Areas (Lloyd's-Marktanteil).

Aktuelle Krisen-Hotspots 2025

Rotes Meer / Bab-el-Mandeb

Seit November 2023 Houthi-Angriffe auf Handels­schiffe (Drohnen, Raketen, Boots-Angriffe). Auswirkungen:

  • ~50 % der Container-Tonnage durch Bab-el-Mandeb (Suez-Route Asien-Europa) umrouten über

Kap der Guten Hoffnung = +10–14 Tage Transit, +20–30 % Bunker­kosten

  • Durch Suez fahren weiterhin ~50 % (besonders chinesische Carrier mit RU-Verbindungen)
  • War-Risk-Aufschlag im Roten Meer: 0,5–1,0 % der Cargo-Versicherungs­summe
  • Lloyd's-Markt sieht Volumens-Versicherungen mit automatischem Endorsement

Schwarzes Meer

Ukraine-Häfen Odessa, Tschornomorsk, Pivdennyi: Getreide-Korridor (humanitarisch), aber War-Risk-Aufschlag bis 2 % der Cargo-Summe. Russische Häfen (Noworossijsk): ähnlich, plus Sanktions-Risiko (siehe Lf6-Sanktionen).

Strait of Hormuz

20 % der globalen Erd­öl-Lieferungen passieren hier. Iran-USA-Spannungen seit 2024 wieder akut. War-Risk-Aufschläge moderat, weil Strecke kurz.

Spediteur-Aufgaben in der Praxis

  1. Routing-Prüfung vor Auftrags­annahme: Wenn Strecke durch Listed Area, Verlader auf

Aufpreis hinweisen

  1. Versicherungs-Bestätigung einholen: Cargo-Police inkl. War + Strikes? Sonst Zusatz

beantragen

  1. Ausnahmen kommunizieren: „Kap-Umweg" als Alternative zur Suez-Route anbieten
  2. Eigene NVOCC-Police prüfen: Wer als Vertragsfracht­führer eigene Haftung hat,

sollte War-Risk-Cover für sein Haftungs­volumen haben

  1. Krisen-Update-Abo: Joint War Committee Listed Areas + Maritime Security Center

Indian Ocean (MSCHOA) abonnieren

Kidnap & Ransom (K&R) — die Crew-Cover

Wenn Schiff durch Piraten gekapert wird, sind nicht nur Cargo-Schäden Thema. Crew kann gefangen­genommen werden, Reederei zahlt ggf. Lösegeld.

K&R-Policen (üblicherweise als „Hijacking & Ransom" über Lloyd's-Markt):

  • Decken Lösegeld-Zahlung
  • Decken Verhandlungs-Berater-Honorare
  • Decken Crew-Bewachung-Kosten nach Befreiung
  • Cover-Summen typisch 5–25 Mio USD

Praxis-Hinweis: K&R ist primär Reeder-Sache, nicht Spediteur / Verlader. Aber: Sammel­ladungs-Sendung im gekaperten Schiff ist im General Average (Hava­rie-Grosse) erfasst — kann den Cargo-Eigentümer indirekt belasten.

Fiktives Beispiel zur Erläuterung — der Houthi-Angriff

Situation: Verlader V verschickt 12 Container Maschinen­teile (Wert je 80.000 EUR) von Shanghai nach Hamburg, Standard-Route über Suez-Kanal. Zeitpunkt Februar 2024 mitten in der Houthi-Eskalation.

Sendung wird im Roten Meer von einer Drohne getroffen. 4 Container brennen aus, 8 Container wegen Lösch-Wasser stark beschädigt. Schaden gesamt ca. 750.000 EUR.

Police-Prüfung:

  • Cargo-Police (A) — All Risks ✓ vorhanden
  • Aber: War Exclusion (Cl. 6) — Drohnen-Angriff = Krieg / militärische Aktion
  • Standard-Police lehnt Zahlung ab

Wäre War-Risk-Cover gebucht gewesen:

  • Aufschlag wäre 0,75 % × Cargo-Summe (960.000 EUR) = 7.200 EUR
  • Schaden 750.000 EUR voll gedeckt

Tatsächlicher Verlauf:

  • V wendet sich an Spediteur S (NVOCC mit House-B/L)
  • S hatte Standard-Cargo-Cover ohne War-Risk gebucht
  • S beruft sich auf Haag-Visby-Höchst­haftung (12 × 666,67 SDR ≈ 10.240 EUR)
  • V verlangt von S Schaden­ersatz wegen unterlassener Aufklärung über War-Risk-Bedarf
  • Streit endet im Vergleich: S zahlt 60.000 EUR, V trägt 690.000 EUR
  • S verliert V als Stamm-Kunden

Was lerne ich daraus als Spediteur?

  1. Reden Sie mit dem Verlader über War-Risk bevor die Sendung ins Schiff geht — auch wenn

das verkaufs­psychologisch unangenehm ist. Schweigen kostet später mehr.

  1. Listed Areas verändern sich monatlich — abonnieren Sie das Joint War Committee Update.
  2. Bei Suez-Strecke ist der Aufpreis derzeit Standard — kalkulieren Sie ihn in Ihre Tarife ein.
  3. Routing-Alternative Kap der Guten Hoffnung ist nicht schöner, aber sicherer und planbar.

+10 Tage, +25 % Fracht ist oft die bessere Wahl als 1.000 EUR Versicherungs-Aufpreis.

  1. Eigene NVOCC-Haftpflicht muss War-Risk enthalten — sonst zahlen Sie selbst, was die

Cargo-Versicherung Ihres Kunden ablehnt.

Cross-Links

Quellen

  1. Joint Cargo Committee (Lloyd's London) — Standard-Klauseln. https://www.lmalloyds.com/lma/jct/JCT11_clauses.aspx
  2. Institute Cargo Clauses (A), (B), (C) — IUA London. https://www.lmalloyds.com/
  3. Institute War Clauses (Cargo) JC2009/056 + Strikes Clauses. https://www.lmalloyds.com/lma/jct/
  4. Joint War Committee — Listed Areas (laufend aktualisiert). https://www.lmalloyds.com/jwc-listed-areas
  5. Maritime Security Center Indian Ocean (MSCHOA) — Risiko-Updates. https://www.mschoa.org/
  6. EU-Marine Operation ASPIDES (Rotes Meer, gegen Houthi). https://www.eeas.europa.eu/eunavfor-aspides/
  7. HGB §§ 498 ff. Seehandel + Höhere Gewalt. https://www.gesetze-im-internet.de/hgb/BJNR002190897.html#BJNR002190897BJNG019700377
  8. IMB Piracy Reporting Centre. https://www.icc-ccs.org/piracy-reporting-centre

Stand: 2026-04-28. Inhalt dient der Information, nicht der Rechtsberatung.

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