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✔ Letzte Überprüfung: 2026-04-28

Piracy- und War-Risk-Policen in der Seefracht

✔ Verifiziert · Quelle: Joint Cargo Committee London — Institute War Clauses (Cargo) JC2009/056, Strikes Clauses, Listed Areas · geprüft von Ter1 · Stand 2026-04-28

Einordnung

Marine Cargo Insurance umfasst nicht alle Risiken einer See-Beförderung. Auch die umfassendste Standard-Police — die Institute Cargo Clauses (A) — All Risks — schließt Krieg, Piraterie (in den Klauseln (B) und (C)), Streik, Aufruhr und nukleare Risiken explizit aus. Beförderungen durch geopolitische Spannungs- oder Konfliktgebiete erfordern daher den Abschluss separater Spezial-Klauseln.

Ausschlüsse der Standard-Cargo-Policen

Die Institute Cargo Clauses (A) enthalten in den Klauseln 6 und 7 folgende Ausschlüsse:

Klausel Ausschluss-Inhalt
Cl. 6 (War Exclusion) Krieg, Bürgerkrieg, Revolution, Aufruhr, Aufstand, gewaltsamer Machtwechsel
Cl. 7 (Strikes Exclusion) Streiks, Aussperrungen, Tumulte, Sabotage durch Demonstranten
Terrorism (Variante) Terror-Anschläge mit politischer Motivation
Nuclear Exclusion Radioaktiv- und atomar-bedingte Schäden

Piraterie zählt seit 2009 zu den in den Cargo Clauses (A) mitversicherten Risiken. In den eingeschränkten Varianten (B) und (C) bleibt sie ein Ausschluss und ist über separate Klauseln zu decken.

Spezial-Klauseln

Institute War Clauses (Cargo) — JC2009/056

Die War Clauses decken explizit:

  • Krieg, Bürgerkrieg, Revolution, Rebellion, Aufruhr, gewaltsamen Machtwechsel
  • Erfassung, Beschlagnahme und Anhaltung durch kriegführende Parteien
  • Streumunition, Minen, Torpedos und Bomben — herrenlos oder gezielt
  • Beschuss durch militärisches Gerät

Nicht gedeckt sind Schäden außerhalb der Listed Areas an Bord von Containerschiffen sowie Piraterie-Risiken, die bereits von den Cargo Clauses (A) erfasst sind.

Institute Strikes Clauses (Cargo)

Die Strikes Clauses decken Streik, Aussperrung, Arbeitseinstellung, politisch motivierte Tumulte und Aufruhr sowie Sabotage durch Demonstranten. In modernen Versionen ist Terrorismus eingeschlossen.

Listed Areas des Joint War Committee

Das Joint War Committee (JWC) in London veröffentlicht laufend eine Liste geopolitisch besonders gefährdeter Gebiete (sogenannte „Listed Areas"). Beförderungen durch diese Gebiete lösen einen automatischen War-Risk-Aufschlag (Additional Premium, AP) auf die Cargo-Versicherungs­summe aus.

Übersicht ausgewählter Listed Areas (Stand April 2025):

Gebiet Hauptrisiko Aufschlag (Größenordnung)
Rotes Meer + Bab-el-Mandeb Houthi-Angriffe 0,5–1,0 % der Cargo-Versicherungs­summe
Schwarzes Meer (UA-/RU-Häfen) Russland-Konflikt 0,5–2,0 %
Straße von Hormus Iran-Spannungen 0,1–0,3 %
Golf von Guinea (Nigeria-Küste) Piraterie 0,1–0,3 %
Somalia-Küste (HRA) Piraterie 0,1–0,3 %
Israel-Häfen Hamas-Konflikt seit Oktober 2023 0,3–0,7 %
Libyen-Häfen Bürgerkrieg 0,3–0,5 %

Die laufend aktualisierte Liste wird vom Joint War Committee über den Lloyd's-Markt publiziert.

Aktuelle Krisengebiete

Rotes Meer und Bab-el-Mandeb

Seit November 2023 finden Houthi-Angriffe (Drohnen, Raketen, Bootsangriffe) auf Handelsschiffe statt. Etwa die Hälfte der Container-Tonnage wurde im Verlauf 2024 von der Suez-Route auf die Route über das Kap der Guten Hoffnung umgeleitet, was zu Transit-Verlängerungen von 10 bis 14 Tagen und einem Anstieg der Bunker-Kosten um 20 bis 30 Prozent führt. Der War-Risk-Aufschlag für Sendungen durch das Rote Meer bewegt sich bei 0,5 bis 1,0 Prozent der Cargo-Versicherungs­summe.

Schwarzes Meer

Sendungen über die ukrainischen Häfen Odessa, Tschornomorsk und Pivdennyi sind durch den Russland-Ukraine-Konflikt belastet. Der War-Risk-Aufschlag erreicht bis zu 2 Prozent. Sendungen über russische Häfen (insbesondere Noworossijsk) unterliegen zusätzlich dem EU-Sanktions-Regime.

Straße von Hormus

Etwa 20 Prozent der globalen Erdöl-Lieferungen passieren die Straße von Hormus. Die seit 2024 verschärften Iran-USA-Spannungen führen zu moderaten War-Risk-Aufschlägen.

Kidnap & Ransom (K&R)

Bei Schiffs-Kaperungen durch Piraten kann die Besatzung gefangen­genommen werden. Reedereien decken dieses Risiko über separate Kidnap-and-Ransom-Policen (häufig als „Hijacking & Ransom" am Lloyd's-Markt). Diese Policen umfassen Lösegeld-Zahlungen, Verhandlungs-Berater-Honorare und Crew-Bewachung nach Befreiung. Üblich sind Cover-Summen zwischen 5 und 25 Millionen US-Dollar.

K&R ist primär dem Reeder zugeordnet. Sammelladungs-Sendungen auf gekaperten Schiffen können den Cargo-Eigentümer indirekt im Rahmen der General Average (Havarie-Grosse) belasten.

Speditionsrechtliche Bezüge

Bei Beförderungen durch Listed Areas treffen den Spediteur als Vertragsfracht­führer (insbesondere als NVOCC mit eigenem House-B/L) erhöhte Sorgfalts-Pflichten:

  • Routing-Prüfung vor Vertragsschluss
  • Information des Verladers über War-Risk-Aufschlag oder Routing-Alternativen
  • Sicherstellung der Cargo-Police-Konformität (Einschluss War und Strikes)
  • Eigene NVOCC-Haftpflicht muss War-Risk-Cover umfassen

Beispielszenario (fiktiv, zur Erläuterung)

Ein Verlader versendet zwölf Container Maschinen­teile (Wert je 80.000 Euro) per Standard-Route Suez-Kanal von Shanghai nach Hamburg. Die Sendung wird im Roten Meer von einer Drohne getroffen; vier Container brennen aus, acht erleiden Wasserschäden durch Lösch­arbeiten. Der Gesamt­schaden beläuft sich auf etwa 750.000 Euro.

Ohne separate War-Risk-Cover lehnt die Cargo-Police (A) den Schaden auf Grundlage der War Exclusion (Clause 6) ab. Bei vorheriger Buchung einer War-Risk-Cover (Aufschlag 0,75 % auf 960.000 Euro Cargo-Summe = 7.200 Euro) wäre der Schaden voll gedeckt gewesen.

Der NVOCC-Spediteur haftet auf Grundlage der Haag-Visby-Höchsthaftung (12 × 666,67 SDR ≈ 10.240 EUR) und kann sich gegenüber Vorwürfen unterlassener Aufklärung über War-Risk-Bedarf nur eingeschränkt verteidigen.

Cross-Links

Quellen

  1. Joint Cargo Committee (Lloyd's London) — Standard-Klauseln. https://www.lmalloyds.com/lma/jct/JCT11_clauses.aspx
  2. Institute Cargo Clauses (A), (B), (C) — IUA London. https://www.lmalloyds.com/
  3. Institute War Clauses (Cargo) JC2009/056 und Strikes Clauses. https://www.lmalloyds.com/lma/jct/
  4. Joint War Committee — Listed Areas (laufend aktualisiert). https://www.lmalloyds.com/jwc-listed-areas
  5. Maritime Security Center Indian Ocean (MSCHOA). https://www.mschoa.org/
  6. EU-Marine Operation ASPIDES (Rotes Meer). https://www.eeas.europa.eu/eunavfor-aspides/
  7. HGB §§ 498 ff. Seehandel und Höhere Gewalt. https://www.gesetze-im-internet.de/hgb/BJNR002190897.html#BJNR002190897BJNG019700377
  8. IMB Piracy Reporting Centre. https://www.icc-ccs.org/piracy-reporting-centre

Stand: 2026-04-28. Inhalt dient der Information, nicht der Rechtsberatung.

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