Der Fall
Ein niederländischer Frachtführer liefert Lebensmittel London – Manchester – Edinburgh, insgesamt drei Stopps auf UK-Territorium, bevor er zum nächsten Cross-Trade-Auftrag Glasgow – Rotterdam wechselt. Kontrolle durch DVSA (Driver and Vehicle Standards Agency): Verstoß gegen TCA-Kabotageregelung, Fahrzeug beschlagnahmt, 2.500 GBP Strafe pro Verstoß, Lizenz-Warnung bei UK-Community-License.
Kundenfrage
"Früher waren drei Kabotage-Fahrten erlaubt. Warum jetzt nicht mehr?"
Rechtliche Einordnung
Mit Inkrafttreten des EU-UK Trade and Cooperation Agreement (TCA) am 1. Januar 2021 hat sich die Kabotage-Lage zwischen EU und UK grundlegend verändert. Zentrale Regeln (Art. 462 TCA):
- Nach einem bilateralen Transport EU → UK: zwei Kabotagefahrten innerhalb von sieben Tagen nach Entladung erlaubt (nur im Nachgang eines UK-Eingangstransports).
- Cross-Trade (Transport zwischen zwei Drittländern auf UK-Boden) ist für EU-Unternehmen stark eingeschränkt, oft gar nicht erlaubt.
- In Irland (GB → NI → IE) gibt es besondere Protokollregeln über das Windsor-Rahmenabkommen.
EU-Fahrer benötigen UK-Sicherheitserklärungen (ENS/EXS), Zollanmeldungen (TAD), Fährtickets mit GMR-Referenz (Goods Movement Reference). UK-Community-Licence wurde ersetzt durch "Certificate for International Haulage".
Bei Verstößen: Beschlagnahme durch DVSA, Bußgelder, Eintrag im UK-Unternehmensregister mit Folgen für die EU-Lizenz (ERRU-Meldung). Der Auftraggeber kann zivilrechtlich nach § 280 BGB bzw. Art. 27 CMR regressieren, wenn durch den Verstoß Lieferverzögerungen entstehen.
Versicherung: Bußgelder nicht versicherbar. Die Verspätungshaftung läuft über Verkehrshaftung (Art. 23 Abs. 5 CMR, dreifache Fracht).
Praktische Lehren
- Dispositionssoftware mit TCA-Kabotagezähler und UK-Cross-Trade-Regelung (z. B. Timocom, Alpega).
- Fahreranweisung schriftlich, aktualisiert auf TCA-Stand 2026.
- UK-Einreisedokumente vollständig (GMR, TAD, ENS) – ohne Papiere keine Weiterfahrt ab französischem Fährhafen.
- Kabotage-Log pro Fahrzeug (7-Tage-Fenster) mit Grenzübertritt-Datum, CMR-Nummer.
- Bei unklarer Rechtslage: UK-Partnerunternehmen einschalten, das dort legal Binnenfahrten anbieten darf.
Verweise
⚠️ Hypothese (vorgemerkt für Denkalgorithmus)
Die UK-Kabotage ist seit Brexit eine der meistunterschätzten Compliance-Zonen. EU-Fahrer fahren routinemäßig nach alten Regeln, DVSA kontrolliert seit 2024 deutlich schärfer. Verspätungsfolgen und Fahrzeugstillstand summieren sich bei UK-orientierten Spediteuren schnell auf fünfstellige Jahresverluste. Für FSA24 interessant: Eine separate UK-Transport-Checkliste als Lead-Magnet (Frachtführerhaftpflicht plus Bußgeldfolgeschäden-Baustein) – Zielgruppe Spediteure mit 20 % UK-Anteil. Vertriebsargument: Wirtschaftliche Existenz bei wiederholten Verstößen (ERRU-Eintrag kann zum Lizenzentzug führen).