Worum geht es?
Wenn Sie als Disponent eine Sendung in der Hand haben — sagen wir 8 Paletten, 1.200 kg, 4,5 m³ —, müssen Sie eine Entscheidung treffen, die viele Berufsanfänger unterschätzen: Welche Verkehrsart ist die richtige?
Es gibt drei Standard-Optionen, die sich in Tarif, Laufzeit, Handling-Risiko und Disposition deutlich unterscheiden. Diese Entscheidung treffen Sie pro Sendung neu, und jede falsche Entscheidung kostet entweder Geld (zu teure Lösung gewählt) oder Kunden (zu langsam / zu unsicher).
Die drei Verkehrsarten
Stückgut (LTL = Less-than-Truckload, im Seeverkehr LCL = Less-than-Container-Load)
Was ist das? Einzelne Sendungen mehrerer Versender werden auf einem LKW oder in einem Container gebündelt. Jede Sendung läuft über ein Hub-and-Spoke-Netz: Anlieferung im Regional-Hub, Sortierung, Hauptlauf zum Ziel-Hub, Verteilung.
Größenordnung: typisch 30–2.500 kg pro Sendung, 0,1–8 m³.
Vorteile:
- Niedrigster Tarif pro kg / m³ bei kleinen Mengen
- Tägliche Verkehre (Stamm-Linien)
- Tracking & Trace etabliert (Scan an jedem Hub-Stopp)
Nachteile:
- Mehrfaches Umladen → höheres Schadensrisiko
- Längere Laufzeit (i. d. R. +1 Tag wegen Hub-Stopp)
- Detaillierte Kennzeichnung Pflicht (jede Palette einzeln)
Teilladung (PTL = Partial Truckload)
Was ist das? Sendung ist zu groß für Stückgut-Netz, aber zu klein für Komplettladung. Ein LKW transportiert 2–4 Sendungen verschiedener Versender direkt zu wenigen Empfängern, ohne Hub-Stopp.
Größenordnung: typisch 2.500–14.000 kg pro Sendung, 8–18 m³.
Vorteile:
- Direkt-Transport ohne Hub → schnellere Laufzeit
- Weniger Umladen → niedrigeres Schadensrisiko
- Mittel-Tarif
Nachteile:
- Nicht täglich verfügbar (abhängig von Tour-Bündelung)
- Disposition komplexer (mehrere Stopps optimieren)
- Wartezeit-Risiko bei Empfänger
Komplettladung (FTL = Full Truckload, im Seeverkehr FCL = Full Container Load)
Was ist das? Eine Sendung füllt einen ganzen LKW (oder Container) aus — oder Verlader bezahlt den ganzen LKW, auch wenn nicht ganz voll.
Größenordnung: typisch ab 14.000 kg oder 18 m³ — bzw. ab Wert wo Direkt-Transport sich lohnt.
Vorteile:
- Schnellster Direkt-Transport (kein Hub, kein Stopp)
- Niedrigstes Schadensrisiko (kein Umladen)
- Maximale Pünktlichkeit
- Geheimhaltung (kein anderer Versender im LKW)
Nachteile:
- Höchster Tarif absolut
- Nur wirtschaftlich ab gewisser Menge / Wert
Brechpunkt-Faustregeln
Wann lohnt was? Hier die Praxis-Faustregeln für nationale Verkehre:
| Sendung | Verkehrsart | Begründung |
|---|---|---|
| 30 kg, 1 Karton | Stückgut | Spotmarkt-Tarif niedrig |
| 200 kg, 2 Paletten | Stückgut | Standard-Sweetspot |
| 1.500 kg, 4 Paletten | Stückgut, ggf. Teilladung | Übergangsbereich |
| 4.000 kg, 8 Paletten | Teilladung | LCL-Tarif schon zu hoch, FTL noch nicht voll |
| 8.000 kg, 14 Paletten | Teilladung oder FTL je Tarif | Vergleichen lohnt |
| 18.000 kg, 33 Paletten | Komplettladung | LKW voll |
| 24.000 kg, Schwergut | Komplettladung mit Spezial-Trailer | Standard-LKW reicht nicht |
Internationale Seefracht-Faustregel:
- Bis 8 m³ → LCL (Less-than-Container Load)
- 8–25 m³ → Konsolidierung mehrerer Verlader oder eigener 20'-Container
- > 25 m³ → 40'-FCL
So rechnen Sie den Brechpunkt aus
Beispiel: Sendung 1.200 kg, 5 m³, von Stuttgart nach Hamburg.
| Variante | Tarif (geschätzt €) | Laufzeit | Bewertung |
|---|---|---|---|
| Stückgut LCL Standard | 280 € | 2 Tage | Standard, OK |
| Teilladung mit anderen Versendern | 380 € | 1 Tag | Schneller |
| Komplettladung FTL (40t-Sattelzug 80 % leer) | 1.200 € | 1 Tag | Verschwendung |
Faustregel: Wenn Stückgut-Preis den FTL-Preis bei volumenbezogener Berechnung übersteigt (i. d. R. ab 50–60 % LKW-Auslastung), wechseln Sie auf Teilladung oder FTL.
Konsolidierung — der Kern-Geschäftsvorteil
Konsolidierung ist der wirtschaftliche Hebel des Stückgut-Geschäfts:
- Sammeln Sie an einem Tag z. B. 50 Sendungen verschiedener Versender für
eine Region (Süddeutschland → Norddeutschland)
- Verladen Sie auf einen Hauptlauf-LKW (Sattelzug, 33 Paletten-Stellplätze)
- Brechen Sie am Ziel-Hub auf für die Verteilung
- Berechnen Sie jeden Versender mit Stückgut-Tarif (höher als FTL-Anteil)
Die Differenz zwischen Stückgut-Tarif (Verkauf an Versender) und FTL-Tarif (Einkauf der Hauptlauf-Strecke) ist die Konsolidierungs-Marge des Spediteurs. Sie kann bei effizienten Netzen 25–40 % betragen.
Wer macht was im Stückgut-Netz?
Die meisten Stückgut-Spediteure arbeiten in Kooperationen:
| Kooperation | Mitglieder (DE) | Spezialität |
|---|---|---|
| System Alliance | ca. 40 | Allgemeines Stückgut |
| CargoLine | ca. 50 | Allgemeines Stückgut + Online-Tools |
| 24plus | ca. 60 | Stückgut + Teilladung |
| IDS Logistik | ca. 30 | Spezialisiert + Pharma |
| DPD/GLS/UPS/DHL Freight | nicht Kooperation, eigenes Netz | Express + Standard |
Der Vorteil für KMU-Spediteure: Eintrittsticket in europaweites Netzwerk, ohne selbst überall Hubs zu bauen.
Häufige Fehler in der Disposition
- Sendung zu klein für FTL, aber wegen Eiligkeit FTL gebucht → unnötig hohe Kosten.
Lösung: Express-Stückgut oder Teilladung mit Eil-Tarif prüfen.
- Sendung zu groß für Stückgut-Limits einer Kooperation (oft 2.500 kg /
Sendung), aber als Stückgut deklariert → Sendung wird abgelehnt oder mit Aufschlag verladen.
- Volumen ignoriert — z. B. „nur 200 kg" deklariert, aber sind 4 m³
sperrige Polster: bei volumenbezogener Tarifierung (1 m³ = 333 kg) 4 m³ = 1.333 kg → kein Stückgut-Tarif mehr.
- Sammelladungs-Sendung enthält gefährliche Güter ohne ADR-Anmeldung →
Hub-Personal weigert sich, Sendung wird zurückgeschickt.
- Tracking-Lücke im Hub-Wechsel — Versender ruft bei Eskalation an,
Disponent kann Position nicht ad hoc beantworten.
Fiktives Beispiel zur Erläuterung — die falsche Verkehrsart
Situation: Maschinenbauer M (Stuttgart) versendet wöchentlich 12 Sendungen nach Hamburg, jeweils 1.500 kg / 6 m³. Bisher als Stückgut über System-Alliance-Spediteur. Tarif: 320 € pro Sendung. Wöchentlich 12 × 320 € = 3.840 €.
Disponent prüft Alternative:
- 12 Sendungen × 1.500 kg = 18.000 kg gesamt
- 12 × 6 m³ = 72 m³ — passt nicht in einen LKW (max ~85 m³ aber 33 Paletten-Limit)
- Variante: 2 wöchentliche Teilladungs-Touren Stuttgart → Hamburg, je 9.000 kg / 36 m³
- Teilladungs-Tarif geschätzt 1.400 € pro Tour × 2 = 2.800 € / Woche
Einsparung: 1.040 € / Woche = 54.080 € / Jahr.
Plus: Laufzeit-Vorteil 2 → 1 Tag, Schadenquote sinkt durch weniger Umladen.
Lehre: Disponent muss regelmäßig die Verkehrsarten-Wahl prüfen — Stamm-Routen mit hoher Sendungsfrequenz lohnen oft den Wechsel auf Teilladung oder eigene Tour.
Cross-Links
- Sammelladung §§ 460/461 HGB Haftungssystem (Lf3 — Haftungs-Aspekt)
- Frachtbrief Pflichtangaben § 408 HGB (Lf3)
- Vor-/Nachlauf-Haftungsbruchstellen § 432 HGB (Lf3)
- Erfüllungsgehilfen-Zurechnung § 428 HGB (Lf10)
- Hub-and-Spoke + Routing Luftfracht (Lf7 — analoge Logik)
Quellen
- DSLV — Deutscher Speditions- und Logistikverband Branchenleitfaden. https://www.dslv.org/
- HGB §§ 407 ff. Frachtgeschäft. https://www.gesetze-im-internet.de/hgb/BJNR002190897.html#BJNR002190897BJNG017600377
- HGB §§ 460–461 Sammelladung. https://www.gesetze-im-internet.de/hgb/__460.html
- System Alliance Geschäftsbericht + Mitgliederliste. https://www.systemalliance.de/
- CargoLine Netzwerk-Information. https://www.cargoline.de/
- BVL Deutschland — Logistik-Studien Stückgut. https://www.bvl.de/
- Bundesamt für Logistik und Mobilität (BALM) — Kfz-Daten. https://www.balm.bund.de/