Transport-WikiIHK-Lernfeld 5 — Verkehrsarten und Tarife

✔ Letzte Überprüfung: 2026-04-28

Stückgut, Teilladung, Komplettladung — die richtige Verkehrsart wählen

✔ Verifiziert · Quelle: DSLV-Leitfaden Stückgut + Teilladung + Komplettladung — Branchen-Standard­handbuch · geprüft von Ter1 · Stand 2026-04-28

Worum geht es?

Wenn Sie als Disponent eine Sendung in der Hand haben — sagen wir 8 Paletten, 1.200 kg, 4,5 m³ —, müssen Sie eine Entscheidung treffen, die viele Berufsanfänger unterschätzen: Welche Verkehrsart ist die richtige?

Es gibt drei Standard-Optionen, die sich in Tarif, Laufzeit, Handling-Risiko und Disposition deutlich unterscheiden. Diese Entscheidung treffen Sie pro Sendung neu, und jede falsche Entscheidung kostet entweder Geld (zu teure Lösung gewählt) oder Kunden (zu langsam / zu unsicher).

Die drei Verkehrsarten

Stückgut (LTL = Less-than-Truckload, im See­verkehr LCL = Less-than-Container-Load)

Was ist das? Einzelne Sendungen mehrerer Versender werden auf einem LKW oder in einem Container gebündelt. Jede Sendung läuft über ein Hub-and-Spoke-Netz: Anlieferung im Regional-Hub, Sortierung, Hauptlauf zum Ziel-Hub, Verteilung.

Größenordnung: typisch 30–2.500 kg pro Sendung, 0,1–8 m³.

Vorteile:

  • Niedrigster Tarif pro kg / m³ bei kleinen Mengen
  • Tägliche Verkehre (Stamm-Linien)
  • Tracking & Trace etabliert (Scan an jedem Hub-Stopp)

Nachteile:

  • Mehrfaches Umladen → höheres Schadens­risiko
  • Längere Laufzeit (i. d. R. +1 Tag wegen Hub-Stopp)
  • Detaillierte Kennzeichnung Pflicht (jede Palette einzeln)

Teilladung (PTL = Partial Truckload)

Was ist das? Sendung ist zu groß für Stückgut-Netz, aber zu klein für Komplettladung. Ein LKW transportiert 2–4 Sendungen verschiedener Versender direkt zu wenigen Empfängern, ohne Hub-Stopp.

Größenordnung: typisch 2.500–14.000 kg pro Sendung, 8–18 m³.

Vorteile:

  • Direkt-Transport ohne Hub → schnellere Laufzeit
  • Weniger Umladen → niedrigeres Schadens­risiko
  • Mittel-Tarif

Nachteile:

  • Nicht täglich verfügbar (abhängig von Tour-Bündelung)
  • Disposition komplexer (mehrere Stopps optimieren)
  • Wartezeit-Risiko bei Empfänger

Komplettladung (FTL = Full Truckload, im See­verkehr FCL = Full Container Load)

Was ist das? Eine Sendung füllt einen ganzen LKW (oder Container) aus — oder Verlader bezahlt den ganzen LKW, auch wenn nicht ganz voll.

Größenordnung: typisch ab 14.000 kg oder 18 m³ — bzw. ab Wert wo Direkt-Transport sich lohnt.

Vorteile:

  • Schnellster Direkt-Transport (kein Hub, kein Stopp)
  • Niedrigstes Schadens­risiko (kein Umladen)
  • Maximale Pünktlichkeit
  • Geheimhaltung (kein anderer Versender im LKW)

Nachteile:

  • Höchster Tarif absolut
  • Nur wirtschaftlich ab gewisser Menge / Wert

Brechpunkt-Faustregeln

Wann lohnt was? Hier die Praxis-Faustregeln für nationale Verkehre:

Sendung Verkehrsart Begründung
30 kg, 1 Karton Stückgut Spotmarkt-Tarif niedrig
200 kg, 2 Paletten Stückgut Standard-Sweetspot
1.500 kg, 4 Paletten Stückgut, ggf. Teilladung Übergangs­bereich
4.000 kg, 8 Paletten Teilladung LCL-Tarif schon zu hoch, FTL noch nicht voll
8.000 kg, 14 Paletten Teilladung oder FTL je Tarif Vergleichen lohnt
18.000 kg, 33 Paletten Komplettladung LKW voll
24.000 kg, Schwergut Komplettladung mit Spezial-Trailer Standard-LKW reicht nicht

Internationale See­fracht-Faustregel:

  • Bis 8 m³ → LCL (Less-than-Container Load)
  • 8–25 m³ → Konsolidierung mehrerer Verlader oder eigener 20'-Container
  • > 25 m³ → 40'-FCL

So rechnen Sie den Brechpunkt aus

Beispiel: Sendung 1.200 kg, 5 m³, von Stuttgart nach Hamburg.

Variante Tarif (geschätzt €) Laufzeit Bewertung
Stückgut LCL Standard 280 € 2 Tage Standard, OK
Teilladung mit anderen Versendern 380 € 1 Tag Schneller
Komplettladung FTL (40t-Sattelzug 80 % leer) 1.200 € 1 Tag Verschwendung

Faustregel: Wenn Stückgut-Preis den FTL-Preis bei volumen­bezogener Berechnung übersteigt (i. d. R. ab 50–60 % LKW-Auslastung), wechseln Sie auf Teilladung oder FTL.

Konsolidierung — der Kern-Geschäfts­vorteil

Konsolidierung ist der wirtschaftliche Hebel des Stückgut-Geschäfts:

  1. Sammeln Sie an einem Tag z. B. 50 Sendungen verschiedener Versender für

eine Region (Süddeutschland → Norddeutschland)

  1. Verladen Sie auf einen Hauptlauf-LKW (Sattelzug, 33 Paletten-Stellplätze)
  2. Brechen Sie am Ziel-Hub auf für die Verteilung
  3. Berechnen Sie jeden Versender mit Stückgut-Tarif (höher als FTL-Anteil)

Die Differenz zwischen Stückgut-Tarif (Verkauf an Versender) und FTL-Tarif (Einkauf der Hauptlauf-Strecke) ist die Konsolidierungs-Marge des Spediteurs. Sie kann bei effizienten Netzen 25–40 % betragen.

Wer macht was im Stückgut-Netz?

Die meisten Stückgut-Spediteure arbeiten in Kooperationen:

Kooperation Mitglieder (DE) Spezialität
System Alliance ca. 40 Allgemeines Stückgut
CargoLine ca. 50 Allgemeines Stückgut + Online-Tools
24plus ca. 60 Stückgut + Teilladung
IDS Logistik ca. 30 Spezialisiert + Pharma
DPD/GLS/UPS/DHL Freight nicht Kooperation, eigenes Netz Express + Standard

Der Vorteil für KMU-Spediteure: Eintritts­ticket in europaweites Netzwerk, ohne selbst überall Hubs zu bauen.

Häufige Fehler in der Disposition

  1. Sendung zu klein für FTL, aber wegen Eilig­keit FTL gebucht → unnötig hohe Kosten.

Lösung: Express-Stückgut oder Teilladung mit Eil-Tarif prüfen.

  1. Sendung zu groß für Stückgut-Limits einer Kooperation (oft 2.500 kg /

Sendung), aber als Stückgut deklariert → Sendung wird abgelehnt oder mit Aufschlag verladen.

  1. Volumen ignoriert — z. B. „nur 200 kg" deklariert, aber sind 4 m³

sperrige Polster: bei volumen­bezogener Tarifierung (1 m³ = 333 kg) 4 m³ = 1.333 kg → kein Stückgut-Tarif mehr.

  1. Sammelladungs-Sendung enthält gefährliche Güter ohne ADR-Anmeldung →

Hub-Personal weigert sich, Sendung wird zurück­geschickt.

  1. Tracking-Lücke im Hub-Wechsel — Versender ruft bei Eskalation an,

Disponent kann Position nicht ad hoc beantworten.

Fiktives Beispiel zur Erläuterung — die falsche Verkehrsart

Situation: Maschinen­bauer M (Stuttgart) versendet wöchentlich 12 Sendungen nach Hamburg, jeweils 1.500 kg / 6 m³. Bisher als Stückgut über System-Alliance-Spediteur. Tarif: 320 € pro Sendung. Wöchentlich 12 × 320 € = 3.840 €.

Disponent prüft Alternative:

  • 12 Sendungen × 1.500 kg = 18.000 kg gesamt
  • 12 × 6 m³ = 72 m³ — passt nicht in einen LKW (max ~85 m³ aber 33 Paletten-Limit)
  • Variante: 2 wöchentliche Teilladungs-Touren Stuttgart → Hamburg, je 9.000 kg / 36 m³
  • Teilladungs-Tarif geschätzt 1.400 € pro Tour × 2 = 2.800 € / Woche

Einsparung: 1.040 € / Woche = 54.080 € / Jahr.

Plus: Laufzeit-Vorteil 2 → 1 Tag, Schaden­quote sinkt durch weniger Umladen.

Lehre: Disponent muss regelmäßig die Verkehrsarten-Wahl prüfen — Stamm-Routen mit hoher Sendungs­frequenz lohnen oft den Wechsel auf Teilladung oder eigene Tour.

Cross-Links

Quellen

  1. DSLV — Deutscher Speditions- und Logistik­verband Branchen­leitfaden. https://www.dslv.org/
  2. HGB §§ 407 ff. Frachtgeschäft. https://www.gesetze-im-internet.de/hgb/BJNR002190897.html#BJNR002190897BJNG017600377
  3. HGB §§ 460–461 Sammelladung. https://www.gesetze-im-internet.de/hgb/__460.html
  4. System Alliance Geschäfts­bericht + Mitglieder­liste. https://www.systemalliance.de/
  5. CargoLine Netzwerk-Information. https://www.cargoline.de/
  6. BVL Deutschland — Logistik-Studien Stückgut. https://www.bvl.de/
  7. Bundesamt für Logistik und Mobilität (BALM) — Kfz-Daten. https://www.balm.bund.de/

Stand: 2026-04-28. Inhalt dient der Information, nicht der Rechtsberatung.

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